
„Haben Sie das gerade wirklich gesagt?“
Wem das Vier-Ohren-Modell von Herrn Schulz von Thun bereits aus den Ohren hängt, der sei gewarnt: Auch in diesen Artikel kommen wir an dieser Gedankenstütze nicht vorbei. Aber der Reihe nach. Was ist eigentlich ein Missverständnis und was ist, wenn wir tatsächlich eine Meinungsverschiedenheit haben?
Eine einfache Frage plus Reflektion des Gesagten geben Klarheit: „Habe ich das richtig verstanden, dass du unsere Katze gern grün-blau gepunktet umfärben möchtest?“ Als Antwortmöglichkeiten kommen dann in Betracht: „Ja, das hast du richtig verstanden.“ „Nein, das hast du falsch verstanden.“ Und eine schier endlose Zahl dazwischen, z.B. „Ja oder nein (vollkommen unerheblich), ich möchte unsere Katze rot-blau gestreift umfärben.“ Aha, Missverständnis ausgeräumt, Farbe und Muster wurden im Prozess der Kommunikation irgendwo zwischen Sender und Empfänger mit Fehlern behaftet. IRGENDWO DA (Gleich kommt Herr Schulz von Thun, ich gebe dann nochmal rechtzeitig eine Triggerwarnung aus! Versprochen!) Ganz klar gab es hier ein Missverständnis, das direkt ausgehebelt werden konnte. Kommen wir nun aber zum Punkt der Meinungsverschiedenheit. Sensibles Thema meine Damen und Herren. Lernen wir im Konstruktivismus, dass keine „echte“ Realität existiert, erheben wir doch so oft Anspruch darauf, dass es diese gibt. Eine Parkbank ist eine Parkbank. Aus der Sicht der meisten unstrittig. Geht es aber darum, wo sich tatsächlich die Sitzfläche befindet, könnte es bereits transgenerative Unterschiede in der Wahrnehmung geben. Während die einen, DIE Sitzfläche auch dafür benutzen und sich an die Rückenlehne anlehnen, ist genau diese für andere die Sitzfläche und DIE eigentliche Sitzfläche ist die Schuhabstellgelegenheit. So, wer hat nun recht? Gilt das Recht der Mehrheit?
Würden alle Variante A oder B wählen, gäbe es keinen Disput. Niemand könnte sich über eine eventuell verschmutzte Sitzfläche echauffieren. Und jetzt fragen wir den vorbeijoggenden sportlichen Menschen, was er da vor sich sieht: „Ein super Trainingsgerät, an dem sowohl der Trizeps, als auch der Gluteus auf ihre Kosten kommen werden. Sehen sie mal hier…“ Soso, was war also passiert: Stellen wir uns diese verschiedenartigen Menschen einmal vor: Eine ältere Dame mit kleinem Fiffi an der Leine, auffälligem Hut und elegantem Mantel, der 15-Jährige aus dem Nachbarblock mit coolen Sneakern und Snapback Cap und den Mann im besten Alter auf seiner täglichen Sportroutine durch den Park, leicht verschwitzt aber auf Anfrage sofort fähig zu antworten, statt erst einmal nach Luft zu ringen. Bewusst gewählte Stereotype sind Ihnen als Lesendem natürlich nicht entgangen.
So unterschiedlich diese Menschen in sämtlichen äußerlich wahrnehmbaren Attributen auch sind, so verschieden sind sie auch bemessen ihrer inneren Attribute: Erfahrungen, Glaubenssätze, Hormone, Tagesform, Persönlichkeit und ihre Eigenschaften, Kompetenzen und Sklills auf allen Ebenen. Sie zeichnen jedem unserer Protagonisten eine unverwechselbare und hochgradig individuelle Brille ins Gesicht. Und dann holen wir einen vierten Protagonisten ins Boot: Eine wohnungslose Frau betritt die Szenerie vor unserem geistigen Auge (und von ihnen gib es im Januar 2024 in Deutschland dem statistischen Bundesamt zufolge 439.500, davon 40% unter 25). Es ist Abend. Spielen Sie bitte selbst durch die Brille der wohnungslosen Frau diese Szenerie weiter. Die Parkbank könnte ein potentieller Schlafplatz für die Nacht sein. Denn auch sie trägt eine Brille, die ganz anders geprägt wurde, als die der drei anderen Protagonisten. Und jetzt wählen wir wer recht hat? Wessen Brille der Realität entspricht?
Jede Brille entspricht genau der Realität dessen, der sie trägt. Die korrekte Frage wäre also: Wessen Brille ist der unseren so ähnlich im Hinblick auf diese eine Fragestellung, dass wir mit seiner oder ihrer Sicht d‘accord gehen? Bei einer Meinungsverschiedenheit bleibt uns das Verständnis für die Verschiedenheit der Brillen in Verbindung mit einer Vielzahl von Lösungen. Erschaffen wir also für unser Beispiel einen Kompromiss (wie gern würde ich jetzt sagen: Bitte schließen Sie nun alle die Augen und stellen sich folgendes Bild vor, aber Sie müssen ja lesen oder ein KI gesteuertes text-to-speech Format verwenden, fühlen Sie sich frei). Also los geht’s.
Folgenden Kompromiss schlage ich Ihnen vor, nur im Geiste: Wir sehen die Bank im begrünten Park, es ist Abend. Die Sonne geht langsam unter. Wir sehen den coolen Jugendlichen mit dem Snapback Cap auf der für ihn adäquaten Sitzfläche (Anmerkung: andere nennen es Rückenlehne) sitzen. Ein Basketball liegt auf der Schuhabstellgelegenheit (Anmerkung: für andere die Sitzfläche). Die ältere Dame mit kleinem Fiffi kommt vorbei und bietet dem coolen Jugendlichen als vorbildliche Hundehalterin einen Hundekotbeutel als Unterlage für die Schuhe an, damit die Sitzfläche sauber bleibt. Der Snapback Cap coole Jugendliche nimmt das Angebot dankend an. Die ältere Dame setzt sich zu ihm auf die von ihr als Sitzfläche interpretierte Schuhabstellgelegenheit des snapbackenden Jugendlichen. Sie unterhalten sich. Der Jogger im besten Alter kommt vorbei und beginnt an der Bank eine Rücklingsübung für den Trizeps, um dann mit dem snapbackenden Jugendlichen und der älteren Dame mit dem Fiffi den Basketball hin und herzuwerfen. Er rollt der Frau ohne festen Wohnsitz vor die Füße, die kurzerhand in das Wurfspiel einsteigt. Am Ende des Spiels sitzen alle gemeinsam auf der Bank und erzählen so lange von ihren unterschiedlichen Brillen, bis die Frau ohne festen Wohnsitz die anderen bittet nach Hause zu gehen, damit sie nun schlafen könne. Sie verabschieden sich freudig. Vorhang zu, kleine Bühne.
Und jetzt kommt ACHTUNG Triggerwarnung: Das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun: KI-generierter Inhalt, frei von Wortwitz oder Emotionen:
Das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun beschreibt, wie eine Nachricht auf vier verschiedenen Ebenen verstanden werden kann:
- Sachinhalt – Die reine Information, die übermittelt wird.
- Selbstoffenbarung – Was der Sender über sich selbst preisgibt.
- Beziehung – Wie der Sender zum Empfänger steht und was er von ihm hält.
- Appell – Was der Sender beim Empfänger erreichen oder bewirken möchte.
Jeder Empfänger kann eine Nachricht je nach seiner Wahrnehmung auf einer dieser vier Ebenen hören, was zu Missverständnissen führen kann. Also schließen wir unserer kleinen Geschichte noch einen Beziehungsknigge in 8 Punkten an:
- Klären wir die Frage, ob es sich um ein Missverständnis oder eine Meinungsverschiedenheit handelt mit einer einzigen Frage: „Habe ich das richtig verstanden, dass…“
- Bei einem Missverständnis räumen wir dieses frei von Anschuldigungen aus, denn:
- Irgendwo zwischen Sender und Empfänger schwebten die vier Ohren von Herrn Schulz von Thun mit dem Sachohr, dem Beziehungsohr, dem Selbstoffenbarungsohr und dem Appellohr
- Bei einer Meinungsverschiedenheit erinnern wir uns an die Verschiedenartigkeit unserer vier Protagonist:innen und daran, dass jeder seine persönliche Wirklichkeit konstruiert und respektieren diese
- Wir schließen, wenn möglich Kompromisse, wenn nicht möglich, checken wir unser Vertrauen in die Brille und Wege des anderen und gehen seinen / ihren Weg mit
- Wir begegnen uns mit Verständnis und auf Augenhöhe, Fragen bei Unklarheit und zur Rückversicherung nach
- Wir gönnen uns Pausen, wenn die Gefühle doch einmal hochkochen und vereinbaren zeitgleich einen Zeitpunkt für eine Nachabsprache
- Wir entschuldigen uns, wenn uns ein Fehler unterlaufen ist, das tut nämlich gar nicht weh und ist ein Zeichen mentaler Stärke
