Frau sitzt rückhaltend auf dem Stuhl

Mein erster Job in einem größeren Team – daran denke ich manchmal noch zurück. Es war ziemlich turbulent dort: Telefone klingelten pausenlos, überall waren Gespräche im Gange, ständig war irgendwas los. Die Arbeit selbst hat mir Spaß gemacht, keine Frage. Aber manchmal kam ich mir vor wie jemand, der versucht, bei einem Rockkonzert ein Buch zu lesen. Alles war einfach... viel.

Dann fiel mir Luise auf. Sie war schon ein paar Jahre dabei, wirkte auf den ersten Blick eher unauffällig, fast ein bisschen zurückhaltend. Aber wenn man genauer hinschaute, sah man: Diese Frau hatte einen unglaublichen Blick fürs Ganze. Sie entdeckte Dinge, die anderen komplett entgingen. Sie merkte Stimmungswechsel, noch bevor überhaupt jemand den Mund aufgemacht hatte. Und ihre Ideen? Die brachten oft den entscheidenden Durchbruch. Luise ist hochsensibel – und das war ihre besondere Stärke.

Wenn's brenzlig wird – und jemand die Kurve kriegt

Montagmorgen, das Wochenmeeting läuft. Auf der Tagesordnung: Die anstehenden Aufgaben, aber ein Kollege ist sichtlich angespannt – sein Projekt hängt fest. Im Raum wird's unruhig, die Diskussion droht zu kippen, jeder hat eine Meinung, die Lautstärke steigt.

Luise beobachtet das Ganze. Sie sieht, wie sich die Körperhaltungen verändern, wie sich Gesichter anspannen, wie Frust sich langsam Bahn bricht. Statt sich ins Getümmel zu stürzen, wartet sie den richtigen Moment ab. Dann sagt sie ganz ruhig: „Wäre es vielleicht hilfreich, wenn wir erst mal schauen, wer gerade wo Unterstützung braucht, bevor wir die nächsten Schritte festlegen?" Und wie durch Zauberhand ändert sich die Atmosphäre. Die Hektik weicht, alle atmen durch, und plötzlich arbeitet das Team wieder gemeinsam an einer Lösung.

Was hochsensible Menschen ausmacht

Luise verkörpert ziemlich gut, was Hochsensibilität bedeutet: ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen, ein feiner Sinn für Nuancen und der Wunsch, dass die Arbeit einen tieferen Sinn ergibt. Und das besondere Gimmick: Sie spüren Bedrohungen oder Gefahren, sehen Stolpersteine und Hindernisse, noch bevor das Team blind hineingelaufen ist. Gleichzeitig reagieren Menschen wie Luise intensiv auf Umgebungsreize – Dauerlärm, ständige Unterbrechungen oder chaotische Abläufe können sie regelrecht auslaugen.

Die Forschung geht davon aus, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel sind – quer durch alle Geschlechter und Kulturen. Auf ein Team von zehn Leuten gerechnet bedeutet das: Ein bis zwei Personen haben diese Veranlagung, auch wenn man's ihnen nicht unbedingt auf den ersten Blick ansieht.

Was hochsensible Kolleginnen brauchen, um zu glänzen

Damit Menschen wie Luise ihr volles Potenzial ausspielen können, braucht es gewisse Voraussetzungen: eine möglichst ruhige Arbeitsumgebung, klare Abläufe, Berechenbarkeit im Tagesgeschäft und nicht zu viel Reizüberflutung auf einmal. Auch regelmäßige Auszeiten sind wichtig – die Möglichkeit, sich mal kurz rauszunehmen. Und natürlich ein Team, das ihre Beobachtungen ernst nimmt. Denn genau diese Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu durchschauen und emotionale Schieflage frühzeitig zu erkennen, ist Gold wert.

Heute weiß ich: Teams mit hochsensiblen Mitgliedern wie Luise haben einen echten Vorteil. Sie bringen nicht nur Genauigkeit und emotionale Klugheit mit, sondern sorgen auch dafür, dass die Arbeit nicht nur läuft, sondern sich auch richtig anfühlt – produktiv, fair und menschlich zugleich.

Vielleicht ist es einen Gedanken wert: Wer im eigenen Team hat dieses besondere Radar für Stimmungen? Wer kriegt als Erste oder Erster mit, wenn irgendwo der Wurm drin ist? Wenn wir diese Talente wahrnehmen und die passenden Bedingungen schaffen, können alle davon profitieren. Und das Team wird insgesamt stärker – nicht trotz, sondern gerade wegen dieser leisen Kraft.

Eine Biene in einer Bienenwabe
Du und Sachsen-Anhalt
WIE BIENE UND HONIG.