Wenn fast 50 Welcome Center aus ganz Deutschland, über 200 engagierte Menschen aus Verwaltung, Politik, Beratung, Wissenschaft und Praxis in Magdeburg zusammenkommen, dann geht es um weit mehr als nur Fachkräftesicherung. Dann geht es um die Frage, wie Deutschland in Zukunft funktionieren soll – wirtschaftlich, gesellschaftlich und menschlich.
Genau darum drehte sich das 11. Bundesnetzwerktreffen der Welcome Center am 7. und 8. Mai 2026 in der IHK Magdeburg am Alten Markt. Schon beim Ankommen wurde deutlich: Hier treffen sich Menschen, die nicht nur über Willkommenskultur sprechen, sondern sie tagtäglich gestalten.
Charmant, offen und mit viel Gespür für die Stimmung im Raum führte Susi Brandt vom MDR Sachsen-Anhalt durch den ersten Veranstaltungstag. Die Atmosphäre war von Beginn an besonders – herzlich, motiviert und gleichzeitig geprägt von dem Bewusstsein, wie groß die gemeinsamen Herausforderungen inzwischen geworden sind.
Bereits in den Begrüßungen wurde klar, worum es in den kommenden zwei Tagen gehen würde: Fachkräftesicherung ist längst kein Zukunftsthema mehr, sondern mitten in der Gegenwart angekommen. Sebastian Patze von der IHK Magdeburg, Sandra Yvonne Stieger von der Landeshauptstadt Magdeburg und Lutz Rätz (Projektleiter der Landesinitiative Fachkraft im Fokus) zeichneten gemeinsam das Bild eines Landes, das dringend auf internationale Fachkräfte angewiesen ist – und gleichzeitig enorme Chancen darin sieht.
Dabei ging es immer wieder um eine zentrale Frage: Was brauchen Menschen eigentlich, um wirklich anzukommen?
Die Antworten darauf waren deutlich persönlicher als rein wirtschaftlich. Willkommen-Sein bedeutet eben mehr als ein Arbeitsvertrag oder ein Behördentermin. Es geht um Zugehörigkeit, um Orientierung, um Familien, um Sprache, um Begegnung – und manchmal schlicht um die ersten fünf Minuten.
Genau diesen Gedanken griff Petra Grimm-Benne (Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt) eindrucksvoll auf. Ihre Worte machten deutlich, wie unverzichtbar die Arbeit der Welcome Center inzwischen geworden ist. Besonders im Gedächtnis blieb ihre Aussage, dass häufig bereits in den ersten Minuten entschieden wird, ob Menschen bleiben oder wieder gehen. Welcome Center seien deshalb nicht nur Beratungsstellen, sondern echte Brückenbauer zwischen Menschen, Kulturen und Perspektiven.
Dass die Herausforderungen längst europäische Dimensionen angenommen haben, zeigte anschließend Patrick Paquet (Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration der Europäischen Kommission in Brüssel). Er machte deutlich, dass Europa den demografischen Wandel in den vergangenen Jahren vor allem durch Zuwanderung abfedern konnte. Gleichzeitig wurde spürbar, wie groß die Aufgaben weiterhin sind – von der Anerkennung ausländischer Abschlüsse bis hin zu neuen europäischen Instrumenten wie dem EU Talent Pool oder der Skills Portability Initiative.
Spätestens beim Vortrag von Prof. Dr. Lothar Abicht (Unternehmer, Hochschullehrer und Zukunftsforscher) wurde es im Saal dann sehr still. Der Zukunftsforscher zeichnete ein eindringliches Bild davon, wie sich die Fachkräftesituation in Deutschland entwickeln wird – mit und ohne internationale Fachkräfte. Seine Botschaft war klar: Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen. Besonders Sachsen-Anhalt stehe vor enormen demografischen Herausforderungen. Gleichzeitig machte er Mut, die aktuelle Situation nicht nur als Krise, sondern auch als Chance für gesellschaftliche Entwicklung und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit zu begreifen.
Nach so viel Input wurde es Zeit für Austausch – und genau dafür bot der anschließende Gallery Walk den perfekten Rahmen. Mit Kaffee in der Hand bewegten sich die Teilnehmenden entlang der Pinnwände der fast 50 Welcome Center aus ganz Deutschland. Überall entstanden Gespräche, spontane Diskussionen und neue Kontakte. Projekte wurden vorgestellt, Ideen geteilt und Erfahrungen ausgetauscht. Manche kamen mit konkreten Fragen, andere einfach mit Neugier – und genau daraus entstanden viele der wertvollsten Gespräche des Tages.
Besonders lebendig wurde es anschließend bei der Podiumsdiskussion zur aktuellen Situation der Zuwanderung. Neben Prof. Dr. Abicht (Unternehmer, Hochschullehrer und Zukunftsforscher) saßen Susi Möbbeck (Staatssekretärin im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt, Dr. Gunilla Fincke (Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Dr. Cornelia Schu (Geschäftsführerin des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) gGmbH) und Dr. Christian Pfeffer-Hoffmann (Geschäftsführer von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung gemeinnützige GmbH) offen, direkt und durchaus kontrovers über Chancen, Hürden und politische Rahmenbedingungen. Immer wieder brachte Moderatorin Susi Brandt sogenannte „Bierdeckelfragen“ aus dem Publikum ein – kleine spontane Fragen mit oft erstaunlich großer Wirkung. Genau diese Mischung aus Fachlichkeit, Offenheit und Humor verlieh der Diskussion eine besondere Dynamik.
Und dann kam sie tatsächlich – die vermutlich charmanteste Frage des Tages: „Wo ist das Bier zum Deckel?“ Lutz Rätz (Projektleiter der Landesinitiative Fachkraft im Fokus) griff die Frage mit einem Augenzwinkern auf, lenkte sie elegant in Richtung Fördermittelverwendung und kommentierte trocken: „Ganz mein Humor.“ Der perfekte Übergang in den Abend.
Zum Abschluss des ersten Tages entstand zunächst ein beeindruckendes Graphic Recording von Illustratorin Anja Maria Eisen, das die Diskussionen und Gedanken des Tages kreativ sichtbar machte. Danach ging es gemeinsam auf Stadtführung durch Magdeburg und später zum Abendessen – allerdings nicht ohne eine letzte Überraschung: Poetry-Slamer Samson Völk fasste den Tag auf humorvolle, pointierte und gleichzeitig erstaunlich treffende Weise zusammen. Für viele Teilnehmende definitiv eines der Highlights des gesamten Treffens.
Und so endete der erste Tag nicht nur mit vielen neuen Kontakten, sondern vor allem mit dem Gefühl, Teil eines Netzwerks zu sein, das etwas bewegen will – und kann.














